Die geheime Kraft der weiblichen Intuition

Die geheime Kraft der weiblichen Intuition

Vollgepumpt mit Adrenalin und Testosteron rast ein Formel 1 Fahrer über die Rennbahn. Einen nach dem Anderen überholt er seine Konkurrenten. Er kann den Sieger-Champagner schon fast schmecken. Aber kurz vor der nächsten Haarnadelkurve bekommt er einen überwältigenden Impuls: Bring’ das Auto zum Stillstand! Das macht aber keinen Sinn! Warum sollte er ausgerechnet jetzt genau das machen, was aller Logik widerspricht? Trotzdem bremst er ab.

Was er nicht erahnen konnte ist, dass es einen Unfall mit mehreren Autos direkt nach der Kurve gibt. Wenn er normal weiter gefahren wäre, wäre er definitiv ums Leben gekommen.

Diese Geschichte erzählte Professor Gerard Hodgkinson von der University of Leeds als er 2008 seine Studie zur Intuition publizierte. Bis zu dem Zeitpunkt wurde Intuition in der Wissenschaft etwas belächelt und in einen Topf mit Astrologie und dergleichen geworfen. Hodgkinson und sein Team wollten dieses geheimnisvolle Phänomen etwas entmystifizieren und eventuell seine Kraft entschlüsseln.

Der Fahrer wusste nicht, warum er angehalten hat. Erst nachdem Psychologen ihm ein Video vom Rennen zeigten, wurde das klar. Als er um die Kurve kam, merkte er, dass das Publikum mit dem Jubeln aufgehört hatte. Stattdessen starrte es fixiert auf einen Punkt. Das war ein Warnzeichen. Allerdings ging alles viel zu schnell, als dass er diese Informationen bewusst hätte verarbeiten konnte. Sein Unterbewusstsein muss also das Steuer übernommen haben.

Per Definition ist Intuition schwer zu messen. Sie ist eine Reaktion auf bewusste und unterbewusste Signale. Doch obwohl sie so schwer zu greifen ist, belegen immer mehr Studien nach Hodgkinson zwei rätselhafte Tatsachen: 1) Dass sie wirklich existiert, und 2) Dass sie tatsächlich überproportional unter Frauen vorhanden ist.

Studien, die nonverbale Kommunikation untersuchen, haben gezeigt, dass Frauen Mimik besser lesen können als Männer. Somit können sie subtile emotionale Botschaften im Gesichtsausdruck interpretieren und Entscheidungen auf der Basis von größeren Datenmengen treffen. Laut Ronald E. Riggio von Psychology Today Magazin sind Frauen im Durchschnitt empathischer als Männer und somit “offener” für emotionale Signale des Anderen.

Wo kommt diese scheinbare Superkraft her?

Vieles ist auf die soziale Machtdynamik zurückzuführen, so Riggio. Frauen hatten durch die Geschichte der Menschheit verhältnismäßig wenig Macht und mussten deswegen mehr Zeit in die Beobachtung und Interpretation von Machthabern investieren. Nach und nach haben sie so ein verschärftes Gespür für diese minimalen Signale bekommen. Evolution soll auch eine Rolle gespielt haben. Frauen, die die Bedürfnisse ihrer Kinder und Ehemänner besser deuten konnten, hatten auch bessere Überlebenschancen.

Diese Fähigkeiten sind nicht nur hilfreich im Privatleben. Intuition kann auch sehr viel im Geschäftsbereich ausmachen.

Das schöne Geschlecht hat zwar weniger Geld als sein männliches Pendant aber das wird nicht mehr lange so bleiben: Das Pro-Kopf-Einkommen deutscher Frauen ist zwischen 1974 und 2007 zweimal so schnell gestiegen wie das der Männer. Und die Boston Consulting Group gab im Juli 2015 bekannt, dass Frauen mit 20,2 Billionen US-Dollar 27 Prozent des weltweiten Wohlstandes besitzen.

Dass ihre Intuition Früchte trägt, zeigt sich an der Tatsache, dass Frauen auch in wirtschaftlichen Krisen häufig weniger verlieren. Anfang 2009 verglich die Münchener Onlinebank 465.000 Depots aus den Boom- und Crash-Börsenjahrgängen von 2007 und 2008. Ihre Analyse ergab folgendes Resultat: Sowohl an der Spitze von 2007 als auch im Tiefpunkt von 2008 schnitten Frauen im Durchschnitt besser ab.

Während Frauen im Krisenjahr 30 Prozent Verluste einräumen mussten, hatten männliche Anleger 36 Prozent weniger in der Tasche. Die Direkt Anlage Bank führt das Ergebnis auf das sicherheitsorientierte Denken der Anlegerinnen zurück. In der Regel bevorzugen Frauen Anleihen und Fonds, während Männer lieber direkt in risikoreichere Aktien investierten.

Wie auch bei Wind ist es schwer, die Intuition festzunageln oder gar zu messen. Dass sie unser Denken und Handeln beeinflusst, ist jedoch bewiesen. Zahlreiche Beispiele deuten darauf hin, wie verheerend die Wirkung unserer Intuition sein kann. Angesichts dessen ist es besonders heute wichtig, mehr Leute in Führungspositionen zu haben, die uns eventuell vorm nächsten Crash schützen können.