Was deine Zähne über deinen Wohlstand verraten

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deine Zähne über deinen Wohlstand

Nachmittags in der Friedrichshainer Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung Die Arche. Jungs und Mädchen toben energisch in bunt bemalten Räumen während Chart-Hits im Hintergrund tönen. Hier können Kinder aus ärmeren Familien Hilfe bei ihren Hausaufgaben bekommen, eine warme Mahlzeit genießen und ihre Sorgen vorübergehend vergessen. Die Kinder kommen aus Afrika, Osteuropa, der Türkei und Deutschland; eine Gemeinsamkeit haben sie jedoch alle: ein Loch im Zahn.

Laut der neuen deutschen Mundgesundheitsstudie (DSM) gehören sie zu den 84 Prozent der Kinder aus sozial schwachen Familien, die unter Karieserkrankungen leiden. Bei Kindern mit hohem Sozialstatus liegt die Zahl lediglich bei 12 Prozent. Die Studie wurde von der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) und dem Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) im August vorgestellt.

Grund der Erkrankungen ist häufig nicht die Quantität des Essens sondern die Qualität, so Ali Huff. Familien mit weniger Geld tendieren dazu, Kindern Mahlzeiten anzubieten, die reich an Zucker sind. Manchmal fehlt Eltern das Wissen über gesunde Ernährung, manchmal ist ungesundes Essen das Einzige, was sie sich leisten können. In diesen Fällen ist Überernährung genauso schädlich wie Unterernährung.

Solche Ergebnisse lösen Sorgen bei Politikern und Eltern aus. Laut Kinderärztin Qadira Ali Huff, kann mangelhafte Mundhygiene im Kindesalter zu Problemen beim Sprechen, Essen und sogar beim Lernen führen. Dies erschwere die schon prekäre Lage der Kinder noch weiter, schrieb Ali Huff in einem Bericht für die American Academy of Pediatrics. Durch den hohen symbolischen Stellenwert der Zähne in der heutigen Gesellschaft, können schlechte Zähne später im Erwachsenenalter sogar zu Nachteilen bei der Jobsuche und im sozialen Umfeld führen.

Eine Studie der Barmer GEK zeigt, dass das Ausmaß des Problems in Deutschland regional unterschiedlich ist. 20 Prozent der Minderjährigen im Osten Deutschlands haben Karies, während es in westdeutschen Regionen wie zum Beispiel in Rheinland-Pfalz (13,6 Prozent) und im Saarland (14,7 Prozent) seltener zu Karieserkrankungen kommt. Wer in Sachsen-Anhalt wohnt wird am Ehesten mit geschlossenem Mund lächeln wollen. Hier haben 71 Prozent der Versicherten im Alter von 18 bis 65 Jahren schon mindestens einen Zahn gezogen bekommen. In Baden-Württemberg hingegen liegt der Anteil bei lediglich 48 Prozent.

Allerdings sind nicht nur Kinder von den gesundheitlichen Ausmaßen der Armut betroffen – fast alle schutzbedürftigen Teile der Gesellschaft erleben ähnliche Umstände. Laut Bericht ist fast jeder zweite Pflegebedürftige komplett zahnlos und benötigt eine intensivere Behandlung vom Zahnarzt. Drei Viertel der Pflegebedürftigen brauchen bereits bei der täglichen Zahnpflege Hilfe.

Rund 60 Prozent der Pflegebedürftigen können einen Zahnarzttermin nicht mehr selbstständig organisieren oder eine Praxis aufsuchen. KZBV-Chef Dr. Wolfgang Eßer teilte der Äzte Zeitung mit, dass Zahnärzte künftig mobiler sein müssen und ihre Patienten häufiger in deren Zuhause behandeln sollten. Nötig seien auch weitere Kooperationsverträge zwischen Zahnärzten und Pflegeheimen. Aktuell gebe es bundesweit etwa 3000 entsprechende Vereinbarungen zur Zusammenarbeit.

Auch Politiker beginnen, das Gebiss als Indikator sozialer Probleme anzuerkennen. Kathrin Vogler, gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, fordert angesichts der Studienergebnisse einen notwendigen Zahnersatz wieder als reguläre Kassenleistung aufzunehmen. Die Eigenanteile seien mittlerweile so hoch, dass sich viele Menschen, die am Existenzminimum leben weder eine Behandlung noch eine Zusatzversicherung leisten könnten.

Die DSM Studie enthält allerdings auch gute Nachrichten. So seien Karieserkrankungen in allen Altersgruppen insgesamt zurückgegangen. Erwachsene haben heute im Durchschnitt 11,2 Zähne, die von Karies betroffen sind. Im Vergleich zu 1997 ist die Zahl der erkrankten Zähne somit pro Person um fünf Zähne gesunken.

Diese positive Entwicklung ist größtenteils einem verschärften Bewusstsein für Mundgesundheit zu verdanken, dies teilte BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel der Ärzte Zeitung mit. Engel ermutigt Familien, regelmäßige Kontrolltermine beim Zahnarzt zu vereinbaren und einzuhalten. Kinder, die keine Kontrolltermine besuchen, hätten drei Mal so viele Zähne mit Kariesbefall als jene, die die Prophylaxe nutzen.

Einrichtungen wie Die Arche versuchen Kinder durch Schulungen über prophylaktische Zahnarztbesuche zu informieren. Ihr bisheriger Erfolg ist schwer zu ermessen, ihre Notwendigkeit allerdings unumstritten. Doch eines steht fest: Das Lacheln unserer Kinder muss besser beschützt werden.

 

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