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Mythos „Heißes Wasser“: Warum thermische Desinfektion bei Legionellen oft nicht ausreicht

Hände werden unter fließendem Wasser an einem modernen, wandmontierten Wasserhahn gewaschen, Nahaufnahme im hellen Waschbeckenbereich, Fokus auf Hygiene und saubere Handreinigung.

Legionellen im Leitungswasser können Auslöser einer Form der Lungenentzündung sein. © Diana - stock.adobe.com

Eine warme Dusche gilt als Inbegriff der Entspannung. Doch in den Rohrleitungen mancher deutscher Haushalte befinden sich unsichtbare Erreger, die Mediziner:innen zunehmend besorgen: Legionellen. Die stäbchenförmigen Bakterien sind die Auslöser der Legionärskrankheit, einer schweren und potenziell tödlichen Form der Lungenentzündung. Während das öffentliche Bewusstsein für Trinkwasserhygiene wächst, hält sich hartnäckig ein gefährlicher Irrglaube: Wer den Boiler hochdreht und heißes Wasser durch die Leitungen jagt, sei auf der sicheren Seite. Experten und Expertinnen warnen jedoch eindringlich vor dieser Annahme. Die Realität in den Wasserleitungen ist komplexer, und herkömmliche thermische Verfahren stoßen physikalisch wie biologisch oft an ihre Grenzen. Ein wirksamer Schutz erfordert daher Maßnahmen, die dort ansetzen, wo die Gefahr in den Körper gelangt: am Duschkopf.

Grenzen der thermischen Desinfektion in Trinkwassersystemen

Die gängige Praxis der thermischen Desinfektion sieht vor, das Wasser im gesamten System auf über 70 Grad Celsius zu erhitzen, um Bakterien abzutöten. In der Theorie klingt dies plausibel. In der Praxis scheitert das Verfahren häufig an der Architektur älterer Leitungssysteme. Kalkablagerungen, Rost und sogenannte Totleitungen – Rohrstücke, in denen das Wasser steht und nicht zirkuliert – bieten den Bakterien ideale Rückzugsorte. In diesen Nischen bildet sich ein Biofilm, eine schleimige Schutzschicht, die wie ein Isolator wirkt. Selbst kochend heißes Wasser dringt oft nicht tief genug in diese Schichten ein, um die Erreger vollständig zu eliminieren. Sobald die Temperatur sinkt, vermehren sich die Keime neu.

Das Risiko bleibt bestehen, selbst wenn der Boiler auf Hochtouren läuft. Die Bakterien überleben in den peripheren Bereichen der Installation und gelangen beim Duschen unbeschadet nach draußen. Da eine vollständige Sanierung des Rohrsystems oft kostspielig und zeitaufwendig ist, suchen viele nach einer sofort wirksamen Barriere. Ein endständiger Legionellenfilter an der Armatur unterbricht diesen Übertragungsweg zuverlässig, indem er Bakterien physikalisch zurückhält, bevor sie den Wasserhahn verlassen können. Diese Membrantechnologie fungiert als letzte und entscheidende Sicherheitsstufe, die unabhängig von der Wassertemperatur oder dem Zustand der Rohre im Keller funktioniert.

Übertragungsweg von Legionellen über Aerosole

Legionellen unterscheiden sich von vielen anderen Trinkwasserkeimen vor allem durch ihren typischen Übertragungsweg. Die Infektion erfolgt hierbei nicht primär durch das Trinken des Wassers, sondern durch das Einatmen. Beim Duschen zerstäubt das Wasser in mikroskopisch feine Tröpfchen, sogenannte Aerosole. Sind diese mit Legionellen belastet, gelangen die Erreger tief in die Lunge. Dort befallen sie das Gewebe und können die schwere Legionellose auslösen. Besonders gefährdet sind Menschen mit geschwächtem Immunsystem, Senioren bzw. Seniorinnen oder Raucher:innen. Doch auch andere Personen können sich bei hoher Keimlast infizieren.

Das einfache „Durchspülen“ der Leitungen birgt hier ein paradoxes Risiko: Werden kontaminierte Leitungen mit heißem Wasser gespült, entsteht extrem viel Wasserdampf. Ohne entsprechenden Atemschutz oder mechanische Filterung am Auslass setzt man sich während dieses vermeintlichen Reinigungsprozesses einer massiven Aerosolwolke aus. Die Konzentration der Erreger in der Luft kann dabei kurzzeitig stark ansteigen.

Prävention durch mechanische Barrieren

Angesichts der Resistenz von Biofilmen und der Unzugänglichkeit alter Rohrsysteme fordern Hygieneexperten und Hygieneexpertinnen ein Umdenken. Die alleinige Kontrolle der Wassertemperatur ist als Indikator für Sicherheit unzureichend. Solange Nährstoffe im Wasser vorhanden sind und Temperaturen zwischen 25 und 45 Grad Celsius in irgendeinem Teilabschnitt des Rohrsystems herrschen, finden Legionellen einen Lebensraum.

Der Einsatz von endständigen Filtern stellt hierbei die effektivste Sofortmaßnahme dar. Diese setzen auf Hohlfasermembranen. Die Poren dieser Membranen sind so fein, dass Bakterien physikalisch nicht hindurchpassen. Das Wasser fließt hindurch, die Keime bleiben aber hängen.

Für den oder die Verbraucher:in bedeutet dies einen Paradigmenwechsel: Weg vom bloßen Vertrauen auf den Boiler, hin zur aktiven Absicherung an der Entnahmestelle. Gerade in Mietwohnungen, in denen Bewohner:innen keinen Einfluss auf die zentrale Warmwasseraufbereitung haben, kann eine lokale Filterlösung eine zusätzliche Schutzmaßnahme darstellen. Der gesundheitliche Schutz im eigenen Bad hängt dabei nicht nur von der Temperaturführung des Wassers, sondern auch vom technischen Zustand der Installation ab. Hohe Wassertemperaturen allein bieten keine absolute Sicherheit, während eine geeignete Filtration das Risiko einer Keimexposition weiter reduzieren kann.

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