Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Burnout oder Traumafolgestörungen belasten viele Betroffene erheblich. Auch Kinder und Jugendliche sind davon betroffen: Laut Statistischem Bundesamt waren entsprechende Beschwerden im Jahr 2024 für 18,9 Prozent der Krankenhausbehandlungen von Menschen im Alter zwischen 10 und 19 Jahren verantwortlich.
Neben etablierten Behandlungsformen wie Psychotherapie, ärztlicher Begleitung und bei Bedarf Medikamenten, gewinnen ergänzende Therapieansätze an Bedeutung. Dazu zählt auch die pferdegestützte Therapie.
Dabei steht nicht das Reitenlernen im Mittelpunkt. Vielmehr nutzen qualifizierte Fachkräfte die Begegnung mit dem Pferd, um emotionale Wahrnehmung, Selbstvertrauen, Achtsamkeit und soziale Kompetenzen zu fördern. Das Pferd wird nicht als Ersatz für eine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung verstanden, sondern als unterstützendes Element innerhalb eines therapeutischen Rahmens.
Was passiert bei einer pferdegestützten Therapie?
Eine pferdegestützte Therapie kann sehr unterschiedlich ablaufen. Manche Einheiten finden am Boden statt, andere beziehen das Reiten oder geführte Bewegungsübungen ein. Häufig beobachten Teilnehmende das Pferd zunächst, nähern sich langsam an, putzen es, führen es oder lösen kleine Aufgaben gemeinsam mit dem Tier.
Diese scheinbar einfachen Situationen können therapeutisch bedeutsam sein. Wer ein großes Tier führt, braucht klare Körpersprache, Aufmerksamkeit und innere Ruhe. Zudem übernehmen die Teilnehmenden beim Versorgen des Pferds Verantwortung. Sie nähern sich dem Tier vorsichtig, setzen sich mit Nähe, Distanz, Vertrauen und eigenen Grenzen auseinander.
Fachkräfte begleiten diese Prozesse und helfen dabei, Erfahrungen einzuordnen. Sie können zum Beispiel gemeinsam mit den Teilnehmer:innen besprechen, warum eine Situation verunsichert hat, was gut gelungen ist oder wie sich bestimmte Gefühle körperlich bemerkbar gemacht haben.
Warum Pferde besonders für die Therapie geeignet sind
Pferde nehmen ihre Umgebung aufmerksam wahr. Sie reagieren auf Bewegungen, Körperspannung, Stimme und Stimmung ihres Gegenübers. Genau diese direkte Rückmeldung macht sie in der Therapie interessant. Viele Menschen spüren im Kontakt mit dem Pferd schneller, ob sie angespannt, unklar, hektisch oder ruhig auftreten.
Für Betroffene mit psychischen Belastungen kann das eine wichtige Erfahrung sein. Das Pferd bewertet nicht nach beruflichem Erfolg, Aussehen, sozialem Status oder Vergangenheit. Es reagiert vor allem auf das Verhalten im Moment. Dadurch entsteht häufig ein geschützter Raum, in dem Menschen neue Verhaltensweisen ausprobieren können.
Damit die Pferde langfristig gesund und belastbar bleiben, braucht es auch eine professionelle tiermedizinische Versorgung. Die Zusammenarbeit mit einer spezialisierten Pferdeklinik erweist sich dabei als eine ideale Möglichkeit, um die passenden Grundvoraussetzungen zu schaffen.
Mögliche Einsatzbereiche bei psychischen Erkrankungen
Pferdegestützte Therapie wird unter anderem bei Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen, Burnout, Essstörungen, Suchterkrankungen sowie bei sozialen und emotionalen Schwierigkeiten eingesetzt. Bei Kindern und Jugendlichen kann sie helfen, Vertrauen aufzubauen, Regeln zu erleben und soziale Kompetenzen zu stärken.
Bei Erwachsenen kann der Kontakt mit dem Pferd dazu beitragen, eigene Gefühle bewusster wahrzunehmen. Menschen mit Ängsten üben in kleinen Schritten, sich neuen Situationen zu stellen. Personen mit geringem Selbstwertgefühl erleben häufig, dass sie durch ihr eigenes Handeln etwas bewirken können. Bei Traumafolgestörungen kann die Arbeit mit dem Pferd helfen, Stabilität, Körperwahrnehmung und Selbstregulation zu fördern.
Trotzdem gilt: Die pferdegestützte Therapie eignet sich nicht automatisch für jede Person und jede Erkrankung. Ob sie sinnvoll ist, hängt von der Diagnose, der aktuellen Belastbarkeit, den Therapiezielen und möglichen körperlichen Einschränkungen ab.
Selbstvertrauen durch kleine Erfolgserlebnisse
Ein wichtiger Aspekt der pferdegestützten Therapie ist das Erleben von Selbstwirksamkeit. Damit ist gemeint, dass Menschen spüren: „Ich kann etwas beeinflussen.“ Wer ein Pferd ruhig führt, es versorgt oder eine Aufgabe gemeinsam mit dem Tier bewältigt, erlebt oft unmittelbar, dass das eigene Verhalten Wirkung zeigt.
Gerade bei Depressionen oder Ängsten kann dieses Erleben bedeutsam sein. Viele Betroffene fühlen sich im Alltag blockiert, überfordert oder hilflos. In der Therapie entstehen dagegen kleine, konkrete Erfolgserlebnisse. Sie können helfen, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurückzugewinnen.
Auch Achtsamkeit spielt eine Rolle. Pferde reagieren im Hier und Jetzt. Wer mit ihnen arbeitet, muss aufmerksam bleiben, Signale wahrnehmen und die eigene Körpersprache anpassen. Dadurch treten kreisende Gedanken zeitweise in den Hintergrund.
Was vor Beginn wichtig ist
Bevor Sie eine pferdegestützte Therapie beginnen, sollten Sie sich fachlich beraten lassen. Das gilt besonders, wenn bereits eine psychische Erkrankung diagnostiziert wurde, Sie Medikamente einnehmen oder akute Krisen bestehen. Auch starke Allergien, körperliche Einschränkungen oder eine ausgeprägte Angst vor Pferden sollten vorab besprochen werden.
Achten Sie zudem auf die Qualifikation der Anbieter:innen. Eine seriöse pferdegestützte Therapie arbeitet mit klaren Zielen, geschulten Fachkräften, geeigneten Pferden und sicheren Rahmenbedingungen. Dazu gehört auch, dass das Wohl der Tiere berücksichtigt wird.
Weitere Informationen
- 5 Tipps für mehr Achtsamkeit: https://www.aerzte.de/gesundheitsratgeber/5-tipps-fuer-mehr-achtsamkeit
- Tiere helfen heilen: Tiergestützte Therapien: https://www.ardmediathek.de/video/gesundheit/tiere-helfen-heilen-tiergestuetzte-therapien/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvLzQ1MTgxYmY0LTBiN2MtNGE5OC04NzI0LWQwM2EyNzM3MTk3Zg
- Bayrischer Rundfunk: Reittherapie: Loslassen und sich halten lassen: https://www.youtube.com/watch?v=uzHa0klbXL8
